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Moondmilch? Aigästäärn? Fäckä? Diese Ausdrücke finden sich im neu aufgelegten Obwaldner Mundart-Wörterbuch von Karl Imfeld (auf dem Bild 1998 in Kerns; Foto: Georg Anderhub_©Stiftung Fotodok).

Wörterbücher sind dick und grossartig. Ein ganz besonderes ist das Obwaldner Mundart-Wörterbuch von Karl Imfeld. Weil es voller Redensarten, Sprüche und Witz ist. Im Dezember 2020 ist es in dritter, vollständig überarbeiteter Auflage erschienen, 20 Jahre nach der ersten Ausgabe. Es umfasst den Wortschatz, den die Obwaldnerinnen und Obwaldner in den letzten 100 Jahren verwendet haben und grösstenteils noch heute benutzen.


Karl Imfeld hat den gesamten Wortbestand überarbeitet und um rund 200 Wörter ergänzt. Dabei spürt man die Freude am Reichtum der Sprache und am vielfältigen Gebrauch der Ausdrücke auf jeder der fast 800 Seiten. Vier Jahre hat Karl Imfeld investiert. Auch Herausgeber Christof Hirtler vom bildbuss-Verlag engagierte sich stark. 2019 wurde er von Karl Imfeld angefragt, ob er das Wörterbuch neu herausgeben wolle. «Ich sagte sofort zu, ohne genau zu wissen, welche riesige Aufgabe da auf mich zukommt». Schliesslich hat Christof Hirtler die knapp 800 Seiten insgesamt zwölf Mal von vorne bis hinten durchgearbeitet. Das sind an die 10’000 Seiten.

Zwischen zart und derbe

Das Buch ist auch Nachschlagewerk zur Obwaldner Lebensart und eine Art Kompass. So schreibt der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart, halb Obwaldner und halb Urner, im Vorspann an Karl Imfeld:  «Deine Werke bereichern unsere Wege und geben uns vertiefte Kenntnisse, woher wir kommen und wie wir reden, was wir sagen und was wir vielleicht <gäärä gsäid hättit, wenn miär yys numä truid hättit>.»

(Der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart liest auf www.kultz.ch aus dem Wörterbuch) https://kultz.ch/articles/dialektwoerterbuch/dialektwoerterbuch.html

Auf dem Umschlag des Obwaldner Wörterbuchs finden sich vorne und hinten ausschliesslich Wörter: «Ääli, Goon, Balaari, Moondmilch, dui, Aigästäärn, fyyrzindgiggelroot, kruusä, kalatznä, Zeekerli, Fäckä, mainäid, Muiz, moorädes.» Wörter, in verschiedenen Farben gesetzt, so farbig und vielschichtig, wie der Obwaldner Dialekt. Im Buch spielt Religiöses eine wichtige Rolle, oft aber sind die Ausdrücke auch derb und anzüglich, verspielt, barock, sanft und zart. Und die zahlreichen kernigen und originellen Sprüche fallen auf: «Äi Säich gid nu käi Hafä voll», «Mä sett dänk ga sellä», «Är isch äläi is Doorf und mid menä Aff häi cho», «Der Hergod abättä und am Tyyfel handlangerä», «äs lyyted im Niänächäppäli», «Dä hed ä Gschmack, das s stinkt», «Ai lääri Seck styybid», «Machs mäini Naafyyrtig», «Gchlepft isch nu lang nid gschossä», «Wer lyygt, bruicht äs guäts Gedäächtnis». Rund 1500 Sprüche finden sich im Buch, sie machen es zu einer witzigen Fundgrube für allerlei Kuriositäten und einem einzigartigen Zeugnis der Obwaldner Volkskultur.

Pfarrer, Dichter, Künstler

Karl Imfeld begann mit seinem Wörterbuch in den 1980er-Jahren begonnen. Damals wurde er von einem Professor der Universität Marburg in Deutschland, der sich für den örtlichen Dialekt interessierte, dazu angeregt. Imfeld, der als Pfarrer in der Obwaldner Gemeinde Kerns viel mit den Menschen in der Region zu tun hatte und ihnen besonders nah war, begann daraufhin, Wörter zu sammeln und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Mit herausragendem und originellem Resultat.

Wörter spielten auch sonst in Karl Imfelds Leben eine wichtige Rolle. So war er selber Mundartdichter und Hörspielautor, Radiosprecher und Obwaldner Kulturpreisträger. Er setzte auch gerne träfe Sprüche. Im Vorfeld der Abstimmung zur Abschaffung der Obwaldner Landsgemeinde 1998 sagte er etwas im Interview mit dem Zürcher Tages-Anzeiger: «Die langweiligsten Redner an der Landsgemeinde sind jene, die im Namen ihrer Partei auftreten – da kann man gleich die Ohrenlöffel herunterklappen.» Oder: «In den Parteien findet man nur jene, die schon etwas sind oder etwas werden möchten.» Karl Imfeld machte sich auch einen Namen als kritischer und unkonventioneller Geist. In seinem Gedichtbändchen «Himel, Ärdä, Luft und miär» von 2001 schrieb er über Rom: «Miär hend / diä eewig Stadt / gsee / syy sured / Tag und Nacht / wiä sett syy / gheerä / was fir Zyyt / as s schlaad».

Aus Grossmutters Wortschatz

Der Mensch braucht Sprache. Er ordnet mit ihr die Welt. Wörterbücher umfassen das Inventar unserer Denk- und Redemöglichkeiten dar. Das Obwaldner Wörterbuch war lange vergriffen. Jetzt verkauft es sich ausgesprochen gut. Das war auch beim Urner Mundart-Wörterbuch von Felix Aschwanden so; es wurde vor ein paar Jahren überarbeitet und ebenfalls neu aufgelegt. Die beiden Bücher unterscheiden sich grundlegend durch die Quellen, auf die sich die beiden Autoren berufen.

Karl Imfeld, Jahrgang 1931, stützte sich bei seiner Arbeit hauptsächlich auf seine persönliche Wortkenntnis und sein ausserordentliches Gedächtnis. So sagte er einmal: «Es glaubt mir niemand, aber das Obwaldner Mundart-Wörterbuch ist das Werk eines einzelnen Menschen.» Das heisst, er hat nur aufgeschrieben, was er selber gehört hat. Eine wichtige Bezugsperson war ihm dabei die Grossmutter, Jahrgang 1877. Von ihr sind ihm viele Wörter in Erinnerung geblieben. Im Literaturverzeichnis sind denn auch nur wenige Quellen ausgewiesen. Ganz anders sieht das beim Urner Mundart-Wörterbuch aus. Dort werden auf mehreren Seiten sowohl Werke literarischer als auch historischer Art verzeichnet, die beigezogen worden sind.

Im Himmel

Das neue Buch konnte Karl Imfeld nicht mehr selber in die Hand nehmen. Er verstarb im Sommer 2020. Noch vor seinem Tod hielt er fest: «Ich erachte die Neubearbeitung des Wörterbuches, die ich trotz des hohen Alters noch erbringen konnte, als eine Verpflichtung gegenüber unserer Volkskultur.»

Hanspeter Müller-Drossaart schreibt im Vorspann: «Vo miär uis hends diär z friä gchlänkt, / aber wer wäis, villicht luägsch etz vo änänuberä und dänksch: / Godseidank, bin ich der Waar ab!» Oder Karl Imfeld schreibt droben im Himmel einfach weiter an seinem Mundart-Wörterbuch. Es ist ein Geschenk.

(www.kultz.ch, 15. Januar 2021)