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Vier Schweizer Strahler wurden 1981 in Frankreich verurteilt, weil sie zwei Jahre zuvor im Mont Blanc-Massiv eine Kluft mit Hilfe von Bohrmaschine, Sprengstoff und Helikopter ausgeräumt hatten. Die Polizei beschlagnahmte die Kristalle. Die grossen, zum Teil beschädigten Platten zeigt das Museum in Chamonix. Nach fast 45 Jahren sind weitere Kristalle aufgetaucht.

Es gibt wenige Kristallfunde in den Alpen, die umstrittener waren und mehr zu reden gegeben haben als jener von 1979 in der Nordwand der Grandes Jorasses. Vier Berner Oberländer Strahler hatten in der Nähe des Walkerpfeilers eine Kluft entdeckt, aus der sie erstklassige Rauchquarze und Morione bergen konnten. Sie halfen mit Bohrmaschine und Sprengstoff nach, weil der Klufteingang zu klein war. Da die Stufen zum Teil 150 oder 200 Kilogramm wogen, liessen sie die insgesamt rund 600 bis 700 Kilogramm Rauchquarz mit dem Helikopter in zwei Flügen ins Tal bringen.

Was dann folgte, war für alle Beteiligten wenig erfreulich. Die Polizei, die offensichtlich bereits orientiert war, griff die Strahler auf und setzte sie umgehend für 14 Tage fest. Die französische Justiz urteilte daraufhin in mehreren Prozessen. Zuerst wurden die vier Strahler verurteilt, dann freigesprochen, schliesslich doch wieder verurteilt, was zeigt, dass die ganze Sache nicht so eindeutig zu beurteilen war. Verurteilt wurden die Strahler zu vier Monaten Gefängnis auf Bewährung und zu zwei Bussen; letztere wurden ihnen allerdings später erlassen. Ihre Kristalle sahen sie nie wieder, auch nicht ihren Audi, die Bohrmaschine, ihre Uhren, die Eheringe. Alles hatte die Polizei konfisziert.

Verurteilt wurden die vier Strahler, weil sie eine national geschützte Landschaft beschädigt und ohne Deklaration Sprengstoff nach Frankreich importiert hatten. Sie sollen beim Sprengen auch Bergsteiger in der Nordwand gefährdet haben. Peter von Bergen, einer der vier Strahler, sagt heute, dass der von ihnen mitgeführte Sprengstoff Plastex gar nicht auf der französischen Liste der deklarationspflichtigen Sprengstoffe stand und ihn viele Bauern im Haus hatten, um zum Beispiel Felsbrocken auf ihren Wiesen zu zerkleinern oder Wurzelstöcke zu entfernen.

In den Prozessen brachten beide Seiten gute Argumente vor. Zum Beispiel: Vor ein paar Jahren hätten französische Strahler straffrei mit Sprengstoff arbeiten können, wie aus einem Bericht in der offiziellen Zeitschrift des Club de minéralogie de Chamonix hervorgehe. Oder: Die vier Strahler hätten sich zu wenig um die geltenden Regeln gekümmert, schliesslich sei die Landschaft seit vielen Jahren geschützt und in der Schweiz könne auch nicht einfach gesprengt werden. Und so weiter. Der französische Helikopterpilot wurde freigesprochen.

Beschädigte Stufen

Wer heute das Musée des Cristeaux in Chamonix besucht, sieht die grossen Platten von den Grandes Jorasses in der Mitte eines Ausstellungsraums. 1981 schrieb ein Journalist in der Regionalzeitung Le Dauphiné Libéré, dieser Fund stelle «das schönste Stück des Museums in Chamonix» dar. Allerdings sind einige grosse Spitzen abgeschlagen worden. Das ist nicht das Werk der vier Strahler. Peter von Bergen sagt, ihnen habe damals am meisten weh getan, wie die Polizei mit den Kristallen umgegangen sei. Und wo sind die anderen, nicht ausgestellten Kristalle geblieben? Darüber scheint wenig bekannt zu sein.

Ende letzten Jahres aber wurden dem Musée des Cristeaux zwei Schachteln übergeben mit Kristallen vom Fund aus dem Jahr 1979 an den Grandes Jorasses. Allerdings handelt es sich um zweit- oder drittklassige Stufen und Kristalle, wie Denis Boël, Leiter der mineralogischen Sammlung und seit vielen Jahren Mitglied des Club de minéralogie de Chamonix, sagt. Ein ziemlich wertloser Posten, der kaum ausgestellt oder verkauft werden kann.

Peter von Bergen war von Anfang an klar, dass sie die Steine nicht mehr erhalten werden. Ein paar Stufen aus der Kluft aber hat er trotzdem, denn die Strahler hatten bereits vor 1979 dort Kristalle herausgeholt. Allerdings nur wenige, denn – wie oben erwähnt – war der Klufteingang nur sehr klein. Neben Rauchquarz fanden sie in der Kluft auch Rosafluorit auf Granit.

Schwierige Region

Die Grandes Jorasses ist ein Berg mit sechs Gipfeln, der vor allem bekannt ist für seine anspruchsvollen Kletterrouten. Die vier Strahler wurden daher für ihre bergsteigerische Leistung bewundert. Gleichzeitig aber wurden sie als gierige Diebe und als die «Plünderer vom Mont Blanc» dargestellt. Heute ist Strahlen im Mont Blanc-Massiv ziemlich kompliziert geworden, wie an vielen anderen Orten auch. Man muss sich im Voraus bei der Mairie de Chamonix Mont-Blanc melden und erhält dann für eine bestimmte Dauer eine Bewilligung inklusive eines Ehrenkodexes, wie er für die Region gilt. Erlaubt sind nur die klassischen Hilfsmittel wie Hammer und Spitzeisen.

Die Landschaft steht unter Schutz, verboten sind deshalb Maschinen und Sprengstoff oder der Abtransport von Kristallen mit einem Helikopter; dies, so Insider, führe immer wieder dazu, dass Strahler grössere Stufen spalten, um sie überhaupt tragen zu können. Im Tal unten würden dann die Stufen wieder zusammengeklebt. Zudem muss der Strahler die Mineralien einem Ausschuss des Musée des Cristeaux de Chamonix zeigen, damit das Museum allenfalls Stücke von Interesse erwerben kann – zur Bewahrung des lokalen Erbes. Dass gefundene Mineralien wie vorgeschrieben Ende Saison vorgelegt werden, geschehe jedoch äusserst selten, heisst es.

SCHWEIZER STRAHLER MAI 2024 (PDF)